Foto: Foto: Areva
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Clubfans im Stadion und im K4

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Die Stadt
Nürnberg ist die „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“. Stadtspitze, Kulturschaffende und Nichtregierungsorganisationen haben in den letzten Jahrzehnten Großes geleistet, um den Namen Nürnbergs in der öffentlichen und internationalen Wahrnehmung mit den Begriffen des Friedens und der Menschenrechte zu verbinden. Angesichts der erdrückenden historischen Hypothek als ehemalige Stadt der NSDAP-Reichsparteitage und der Rassegesetze von 1935 kann man diesen Erfolg nicht hoch genug einschätzen.


Der Club
Nürnberg hat mit dem 1. FCN eine Fußballmannschaft, mit der sich ihre Fans in einer selten gesehenen Leidenschaft verbunden fühlen. Auch außerhalb der zahlreichen Fanclubs halten die Nürnberger ihrem „Club“ durch alle Höhen – und ganz besonders durch alle Tiefen der Bundesliga-Abstiege – die Treue.


Der Sponsor
Areva steht aus verschiedenen Gründen in der Kritik: Als weltweite Nr. 1 im Bau von Atomkraftwerken, wegen seiner umweltschädigenden und menschenverachtenden Abbaupraxis in den Uranminen im Niger, und nicht zuletzt – wenn auch selten angesprochen – weil Areva das französischen Atomwaffenprogramm unterhält.

Baucht der Fußball Atomkraft?

Der 1. FCN, Areva und die Nürnberger IPPNW-Regionalgruppe


Jubelnd reißt Christian Eigler mit der Rückennummer 8 die Arme hoch. Er hat das Leder mit einem prächtigen Schuss im gegnerischen Tor versenkt. Stolz reckt er seine Brust. Sein Trikot zeigt den Namen Areva.“

So hieß es noch im April 2011 in der Einladung zu unserer Diskussionsveranstaltung. Seit kurzem ist aber bekannt: Areva will sich aus dem Sponsoring für den 1.FCN zurückziehen und den Vertrag 2012 nicht verlängern.


Im Sommer 2008 gab der Vorstand des 1.FCN bekannt, dass er mit dem französischen Atomkonzern Areva eine Vereinbarung über ein sog. Trikotsponsoring abgeschlossen habe. Der Konzern betreibt im benachbarten Erlangen die Zentrale seiner AKW-Bau-Sparte. Für insgesamt 1,9 Mio. Euro jährlich tragen die Spieler seither den Areva-Schriftzug auf der Brust und Areva darf mit dem Namen des 1.FCN sein Image aufbessern.

Das sollte der passende Fußballsponsor in der „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ sein?

Die Sponsoring-Entscheidung traf bei vielen Fans, aber natürlich besonders in der regionalen Menschenrechts- und Anti-AKW-Bewegung auf Unverständnis und Ablehnung. So auch bei uns: Schon kurz nach Bekanntwerden des Sponsoring-Vertrags hatten wir als IPPNW-Regionalgruppe Nürnberg-Fürth-Erlangen in einem Schreiben an den Vorstand des 1.FCN diese Entscheidung kritisiert und den 1.FCN eingeladen, mit uns darüber ins Gespräch zu kommen. Die Antwort des Vorstands war damals kurz und bündig ausgefallen: man habe nicht vor, Geschäftsentscheidungen mit uns zu diskutieren.

Später, nachdem andere Projekte abgeschlossen waren, war dann für unsere Regionalgruppe die Zeit reif: das Thema „Areva und der Club“ sollte auf den Tisch, und wir wollten die Diskussion in die Kreise der Clubfans hineintragen. Im Herbst 2010 - den Ort Fukushima kannte damals noch niemand - fingen wir an, nach Partnern für eine Diskussionsveranstaltung zu suchen. Die Nürnberger Stadtratsfraktion der Grünen hatte uns wegen des Themas schon einmal angesprochen, und so verabredeten wir uns – nach einigen internen Diskussionen über die Zusammenarbeit mit politischen Parteien – mit Vertretern der Grünen und des Nürnberger „Bündnis aktiv für Menschenrechte“ zur Vorbereitung einer Podiums- und Diskussionsveranstaltung im April 2011. Die Anfänge gestalteten sich zäh: vom Vorstand des 1.FCN kam außer Absagen nur die telefonische Drohung, man werde uns „fertig machen“. Und auch sonst hatten wir den Eindruck, dass sich an diesem Thema in Nürnberg niemand die Finger verbrennen wollte. Trotzdem stand Ende Februar das Programm fest. In den Mittelpunkt stellten wir eine weniger bekannte, aber besonders schmutzige Seite der Atomindustrie: den Uran-Tagebau im Niger. Damals dachten wir noch, dass wir nur mit neuen Aspekten überhaupt Interesse an der Atomkraft-Diskussion wecken könnten.

Dann kam Fukushima. Einen „Rückenwind“ dieser Art hatten wir uns natürlich nicht gewünscht. Aber nach dem 11. März war schon die Tatsache, dass wir eine Veranstaltung zum Thema „Der Club und die Atomindustrie“ nur vorbereiteten, Garant für ein Medieninteresse, das wir noch bei keiner anderen Abendveranstaltung erlebt hatten. Dank der effektiven Pressearbeit der Grünen-Stadtratsfraktion fand unsere Veranstaltungsankündigung über dpa Verbreitung bis in kleinste friesische Stadtanzeiger, es gab Rundfunkinterviews und überregionale Zeitungsartikel schon im Vorfeld.

Am Samstag vor der Veranstaltung standen wir dann auch vor dem Stadiongelände: Die Clubfans strömten zum Heimspiel, und es gab die unterschiedlichsten Reaktionen auf unsere Einladungsflyer: von Zustimmung und der Ankündigung, zur Veranstaltung zu kommen über ein genervtes „interessiert mich doch nicht“ bis zur Androhung von Ohrfeigen war alles geboten.

Die Podiumsveranstaltung selbst – „Braucht der Fußball Atomkraft?“ am 13. April war so gut besucht wie kaum eine, die wir je organisiert hatten: Stehplätze hatte es bisher bei uns selten gegeben! Und auch sonst gab es hier Neuland für uns: hatten bei den bisherigen Diskussionsabenden immer die bekannten AktivistInnen und Interessierten das Publikum dominiert, so war der Saal jetzt zur Hälfte mit Atomkraftgegnern und zur anderen Hälfte mit Clubfans besetzt. Eine derartig kontroverse Diskussion hatten wir noch nicht erlebt, und Elisabeth Wentzlaff von der Regionalgruppe hatte als Moderatorin alle Hände voll zu tun. IPPNW-Mitglied Helmut Riessbeck stellte die Problematik des Sport-Sponsorings kritisch dar, Julius Neumann vom Fanclub „Ultras“ übernahm die Perspektive des Clubfans. Und Günter Wippel vom „Uranium Network“ machte mit zahlreichen Fakten und Bildern deutlich, wie rücksichtslos Areva Umwelt und Menschen im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, durch den Uran-Tagebau belastet. Einen zusätzlichen Akzent setzte IPPNW-Mitglied Wolfgang Lederer-Kanawin mit einem – live aus dem Französischen synchronisierten – Filmausschnitt, der auch den politischen Hintergrund in der zwischen Rebellen und Zentralregierung umkämpften Abbauregion beleuchtete.

Dennoch ging es in der Diskussion bald nur noch um eine zentrale Frage: Was geht das den Club-Fan an? Vom Aufruf zum Stadion-Boykott bis zum fränkischen „des is mir fei wurscht, was die aufm Trikot stehen ham“ reichte das Meinungsspektrum, das so vielfältig war wie das Publikum. Einigkeit herrschte dagegen bald darüber, dass jetzt der Ball beim Club-Aufsichtsrat-Mitglied Oberbürgermeister Maly liegen musste. Der sollte sich auch für eine Ablösung des Sponsors einsetzen.

Und so bekam unser Oberbürgermeister Post: von uns, vom „Bündnis aktiv für Menschenrechte“, aber auch vom lokalen „Energiewende-Bündnis“ und von Greenpeace, die zeitgleich medienwirksam vor dem Gelände des 1. FCN gegen das Areva-Sponsoring protestiert hatten. Trotz des routiniert-unverbindlichen Antwortschreibens sind wir optimistisch, dass unsere Botschaft bei ihm angekommen ist.

Im August haben wir uns noch einmal bei den Fans bemerkbar gemacht: Beim Heimspiel gegen Hannover 96 zeigten wir Flagge mit einem sieben Meter langen Transparent – selbstverständlich in Club-Farben: „Dem 1.FCN eine strahlende Zukunft – aber ohne Atomkraft-Areva!“ Ein kleiner Tumult zwischen angetrunkenen Fans, die zum Thema Areva unterschiedlicher Meinung waren, führte dann auch noch zu einer Anzeige gegen ein Mitglied unserer Regionalgruppe, die aber letztlich zurückgezogen wurde.

Und was hat sich bewegt?

Was wir erreicht haben, ist, dass sich eine große Zahl von NürnbergerInnen mit dem Thema Areva-Sponsoring beschäftigt hat; viele von ihnen haben uns bestätigt, erst jetzt erfahren zu haben, um was für eine Firma es sich eigentlich beim Hauptsponsor „ihres“ 1.FCN handelt („und ich dachte, das wäre ein Kosmetikhersteller...“). Das Konzept hinter dem Sponsoring - nämlich dem Namen Areva einen positiven Beiklang zu geben, ohne dass viel über die Aktivitäten des Konzerns nachgedacht oder gar kritisch gesprochen wird – darf man wohl seit dem vergangenen Jahr als gescheitert betrachten.

Und auch beim Poetenfest ging es voran: Ende Dezember 2011 hat die Initiative „Poesie ohne Uranstaub“ ihre Ankündigung wahr gemacht und der Stadt Erlangen 15.000,- Euro „Bürger-Sponsoring“ für das Poetenfest 2012 angeboten – unter der Maßgabe, dass die Stadt in Zukunft auf das bisherige Sponsoring von Areva in gleicher Höhe verzichtet. (siehe hierzu das „ippnw-forum“ vom September 2011, S. 8)

Die weitere Entwicklung ist wohl eher der geänderten politischen Wetterlage in der Atomindustrie geschuldet: Areva hat im Dezember 2011 angekündigt, eine große Zahl von Stellen zu streichen – und davon (angeblich wegen des „überstürzten Atomausstiegs der Bundesregierung“) den größten Teil in Erlangen. Areva in Erlangen wiederum hat zu erkennen gegeben, dass kein Interesse mehr an einer Fortführung des Sponsoring für den 1.FCN besteht.

Der Club braucht also einen neuen Förderer. Und wir wünschen dem 1.FCN für die Zukunft einen Sponsor, dessen Namen die Spieler und Fans mit Stolz auf dem Trikot tragen können.

Holger Wentzlaff