Rede anlässlich der Übergabe der Gedenkstelen vor dem AOK Gebäude am 24. Mai 2006

von Priv. Doz. Dr. med. Hannes Wandt

Im Auftrag der IPPNW Gruppe Nürnberg, Fürth, Erlangen - der Ärzte für Frieden und in sozialer Verantwortung – möchte ich mich an dieser Stelle bei Herrn OB Dr. Maly und bei Herrn Schwarz, dem stellvertretenden Vorsitzenden der AOK-Bayern ganz herzlich dafür bedanken, dass sie unsere Initiative vom Herbst letzten Jahres aufgegriffen und tatkräftig unterstützt haben. Somit wurde die heutige Gedenkfeier möglich.

Viele werden sich fragen, weshalb wir erst jetzt die Idee zur Errichtung dieser Gedenkstelen hatten, immerhin 70 Jahre nach den sogenannten Nürnberger Rassegesetzen und 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus durch die Alliierten.

Bis Mitte der 60er Jahre war die öffentliche Diskussion über die Nürnberger Rassegesetze durch die Tatsache belastet, dass Konrad Adenauer, der damalige Bundeskanzler, trotz breiter Proteste von Seiten der Opposition und der Presse ausgerechnet den juristischen NS-Kommentator dieser Gesetze, Hans Globke, von 1953 bis 63 zu seinem Staatssekretär im Kanzleramt machte.

Als historisch interessierte Ärzte hatten wir uns dann 1988 anlässlich des Deutschen Ärztetages in Nürnberg intensiv mit dem Schicksal unserer jüdischen Kollegen während der NS-Zeit beschäftigt und sind dabei auch mit den Nürnberger Rassegesetzen konfrontiert worden. Jahre später haben wir - ausgehend von dem historisch bedeutenden „Nürnberger Ärzteprozess“ 1946/47 - mit bisher zwei internationalen Kongressen unter dem Thema „Medizin und Gewissen“ versucht, die Lehren aus einer unmenschlichen NS-Medizin für die Gegenwart sichtbar und nutzbar zu machen. Wir werden dieses Jahr vom 20.- 22.10. 2006 wieder einen derartigen Kongress in Nürnberg veranstalten. Unter dem Thema „Medizin und Gewissen – im Streit zwischen Markt und Solidarität“ werden sich Referenten und Teilnehmer erneut in die aktuellen Diskussionen über unser Gesundheitswesen einmischen.

Ich denke, dass es im Wesentlichen zwei Gründe sind, weshalb diese Initiative erst 2005 von uns gestartet wurde:

  1. Die Verbrechen des deutschen Faschismus sind in ihrer Einzigartigkeit so unfassbar, dass die historische Aufarbeitung und Verarbeitung Zeit und Abstand benötigt. Diese Arbeit wird auch in Zukunft unsere emotionale und intellektuelle Kraft erfordern.
  2. Das 60. Gedenkjahr der Befreiung vom Nationalsozialismus und die dazu eröffnete Ausstellung über die Rassegesetze im „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“ waren dann der endgültige Auslöser für unsere Initiative.

Wir denken, dass dokumentierende Gedenkstätten in der Öffentlichkeit für das Interesse und die Information insbesondere der jüngeren Generation immer wichtiger werden. Die Wichtigkeit wurde uns leider gerade in den letzten Wochen wieder vor Augen geführt durch die rassistisch motivierten Überfälle der Neonazi-Szene auf ausländische Mitbürger. Diese Gedenkstelen sind ein kleiner Beitrag gegen den Rassismus und eine permanente Mahnung, damit Rassismus nie wieder zur Staatsraison in diesem Land werde.