Weshalb gerade in Nürnberg?

Rede am 21.07.2009 in der AOK-Mittelfranken anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „70 Jahre Approationsentzug“

Prof. Dr. med. Hannes Wandt

Nürnberg spielte in der Nazizeit leider auch bei der Verfolgung und Vertreibung jüdischer Ärzte eine wichtige Rolle. Nicht nur wegen der Verabschiedung der Rassegesetze, sondern auch wegen Streicher und seinem Hetzblatt „Stürmer“ und wegen des Nürnberger Ärztefunktionärs Dr. Alfons Stauder.

Schon am 22. März 1933 telegraphierte Geheimrat Dr. Alfons Stauder, der wichtigste ärztliche Standesvertreter in der damaligen Zeit und dazu ein Nürnberger, an Adolf Hitler:
„Die ärztlichen Spitzenverbände Deutschlands … begrüßen freudigst den entschlossenen Willen der Reichsregierung der nationalen Erhebung,…“ Bereits zwei Tage später am 24. März vereinbart Dr. Stauder mit Dr. Gerhard Wagner, dem 1. Vorsitzenden des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, hier in Nürnberg, „im Sinne der deutschen Ärzteschaft beschleunigt dafür Sorge zu tragen, dass aus Vorständen und Ausschüssen die jüdischen Mitglieder ausscheiden und Kollegen, die sich innerlich der Neuordnung nicht anschließen können, ersetzt werden. Ferner ist durch die Vorstände der Kassenärztlichen Vereinigungen den Vorständen der Krankenkassen und den Versicherungsbehörden … gegenüber darauf zu dringen, dass jüdische und marxistische Vertrauensärzte beschleunigt ersetzt werden.“ (nach Bayerische Ärztezeitung v. 1.04.1933)

Bereits am 6. April konnte das „Deutsche Ärzteblatt“ dann stolz den Vollzug melden: „Die Entfernung von Juden und Marxisten aus den Vorständen und Ausschüssen hat sich ohne Schwierigkeiten erreichen lassen und ist im Allgemeinen durchgeführt…“

Schon Ende März 33 wird Prof. Ernst Nathan, der damalige Chefarzt der Hautklinik am Klinikum Nürnberg beurlaubt. Dr. Delvin Katz, Jude und Kommunist, wird im gleichen Monat nach Dachau deportiert, wo er noch im Jahr 1933 am 18. Oktober ermordet wird. Er war das erste Mordopfer unter den Nürnberger Ärzten.

Die deutschen Ärzteverbände „besorgten die Verabschiedung ihrer jüdischen Mitarbeiter prompt und gnadenlos“ stellt das Deutsche Ärzteblatt 2008 fest. Die ärztlichen Standesorganisationen gingen damals z.T. so rücksichtslos und noch ohne rechtliche Grundlage gegen jüdische und staatsfeindliche Ärzte vor, dass der im Reichsarbeitsministerium zuständige Ministerialrat Dr. Karstedt in einem Rechenschaftsbericht 1934 feststellen musste: „… die weite Fassung dieses Begriffs (gemeint ist: „nicht arische Ärzte und Ärzte, die sich im kommunistischen Sinne betätigt hatten“) hatte zahlreichen kassenärztlichen Vereinigungen Veranlassung gegeben, unter Betätigung im kommunistischen Sinne auch jede Zugehörigkeit zu sozialdemokratischen Organisationen oder Mitwirkung in ihrem Rahmen oder dem ihrer Nebenorganisationen zu verstehen. Dieser Auffassung konnte die letztentscheidende Stelle nicht folgen.“ (noch nicht!!!)

Weshalb konnte diese offene, rücksichtslose Gewalt und Verfolgung gegenüber weithin bekannten Ärztekollegen innerhalb der deutschen Ärzteschaft so schnell und so widerstandslos Erfolg haben? Nationalsozialistisches Denken, Antikommunismus und Rassismus waren sehr verbreitet innerhalb der Ärzteschaft. Etwa 50% (!) aller Ärzte waren Mitglieder der NSDAP und z. T. auch aktiv in der SA und SS. Viele junge Ärzte hatten damals in der Folge der Weltwirtschaftskrise keine feste Stelle und mussten als sogenannte Volontärärzte, d. h. ohne Bezahlung ihre Facharztausbildung absolvieren. Da kam die sexistisch-pornographisch gefärbte Hetze der NSDAP und insbesondere eines Gauleiters Streicher im „Stürmer“ gegen alle jüdischen Ärzte gerade recht. In Nürnberg waren etwa 13-14% der Ärzte jüdische Ärzte nach der Definition der Nationalsozialisten. Bei den niedergelassenen Ärzten waren es sogar etwa 30%. Jüdische Ärzte waren sehr beliebt wegen ihrer Fachkompetenz und wegen ihres sozialen Engagements. Durch die Verdrängung und Ausschaltung von etwa 9000 jüdischen Ärzten im Reich gab es plötzlich hervorragende Berufschancen für arische Ärzte! Daneben belohnte das neue Regime die „arische“ Ärzteschaft für die vorbehaltslose Unterstützung schon am 2. August 1933 indem eine einheitliche Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands als Körperschaft des öffentlichen Rechts geschaffen wurde – eine langjährige Forderung der organisierten deutschen Ärzteschaft. Am 1. April 1935 erfüllten die Nationalsozialisten in München dann eine weitere Forderung der Ärzteschaft: eine öffentlich-rechtlich sanktionierte Reichsärztekammer mit Zwangsmitgliedschaft für alle deutschen Ärzte.

Erst ab den 90er Jahren gibt es im Deutschen Ärzteblatt viele gute historische Aufsätze zu lesen, die diese dunkle Vergangenheit der deutschen Ärzteschaft bearbeiten. Bis zum heutigen Tag gibt es aber leider immer noch kein öffentliches Schuldbekenntnis, kein Eingeständnis des Versagens der organisierten deutschen Ärzteschaft gegenüber den 9000 jüdischen Kollegen. Der derzeitige Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Hoppe, plant in nächster Zeit eine solche Stellungnahme laut einer Ankündigung des Deutschen Ärzteblatts vom Dezember letzten Jahres. Wir werden ihn dabei sehr unterstützen! Ich bin besonders froh, dass diese Ausstellung von Anfang an von den regionalen ärztlichen Standesorganisationen sowohl in München als auch jetzt hier in Nürnberg und Fürth unterstützt wurde. Vielen Dank!

Rassismus ist leider kein historisches Phänomen in unserer Gesellschaft. Rassistisches Denken erreicht manchmal schon wieder die Mitte unserer Gesellschaft. Neonazistische Gruppen und Parteien haben zunehmenden Einfluss. Im Nürnberger Stadtrat sitzen zwei Vertreter dieses Spektrums. Mit Aufmärschen und Kundgebungen werden die Neonazis immer provokativer wie z. B. am 1. Mai 2008 in Nürnberg oder wie in Gräfenberg alle 3-4 Wochen. Aus der Geschichte lernen heißt: Wehren wir uns gemeinsam gegen alle Anfänge von Rassismus und Faschismus!