Foto: Mitgliederverammlung
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Mitgliederversammlung 2008

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IPPNW Jahrestreffen und Mitgliederversammlung

Nürnberg, 26. - 28. April 2008, Haus Eckstein

Für IPPNW-Mitglieder bedeutet Nürnberg „mittelalterliche Gassen, Bratwürste und Medizin und Gewissen“. So steht es in den ersten Zeilen des Berichts über die Mitgliederversammlung 2008 von Sven Hessmann. Und weiter heißt es, „für viele war es fast schon ein Heimspiel“. Die IPPNW hatte sich wieder auf unsere bewährte Organisation von Tagungen verlassen, die diesmal vor allem in den Händen von Holger Wentzlaff lag.

Welche Themen haben uns damals beschäftigt?

Die Workshops standen unter dem Titel „Beiträge für eine gesunde Gesellschaft“. Es waren die zentralen Themen der IPPNW:

  • Die Desinformationskampagne der (Atom-)Energiewirtschaft und ihrer Helfer
  • Die Kampagnen „unsere zukunft“ - atomwaffenfrei“ und ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons)
  • Globalisierung und der Krieg im Mittleren Osten: Worum geht es am Hindukusch?
  • IPPNW-Engagement auf dem Balkan
  • Der EU-Reformvertrag: Militarisierung der EU auf dem Weg zur Weltmacht
  • Ärztliche (Bei)Hilfe bei Menschenrechtsverletzungen
  • Der gläserne Patient: Position und Strategie der IPPNW zur elektronischen Gesundheitskarte
  • Schutz vor Burnout vor dem Hintergrund der Rationalisierung im Gesundheitswesen

Zwei Beiträge stammten von eigenen Gruppenmitgliedern:

Kerstin Krása und Stephan Kolb vom „Forum Medizin und Menschenrechte“ am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg bearbeiten den Schwerpunkt „Medizin und Menschenrechte“ und stellten daraus ihr Projekt „Ärztliche (Bei)Hilfe bei Menschenrechts­verletzungen“ vor.

Das Thema Überforderung im Berufsleben wurde unter dem Titel „Engagement trifft Realität“ von Lisa Wentzlaff aus unserer Gruppe dargelegt. Das große Interesse an dem Workshop zeigte, dass sich die zunehmende Rationalisierung im Gesundheitswesen erheblich in der täglichen Arbeit auswirkt und die Patientenversorgung immer schwieriger zu bewältigen ist.

Vor der Mitgliederversammlung sprach Helmut Sörgel eindrucksvolle Worte zum Gedenken an unsere kürzlich verstorbenen Ehrenvorsitzenden Dr. Alice Ricciardi-von Platen, einer mutigen Aufklärerin der Verbrechen von Ärzten in der Nazizeit und Zeitzeugin des Nürnberger Ärzteprozesses. In einer Schweigeminute konnten wir uns auf ihre außergewöhnliche Persönlichkeit rückbesinnen. Diese Erinnerung griff der Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in seinem Grußwort auf, indem er ihr Vorbild mit der Arbeit der IPPNW verband.

Die Beschlüsse der Mitgliederversammlung sind folgendermaßen zusammenzufassen:

Namensänderung
Der sperrige Name IPPNW sollte schon mehrmals geändert werden. Der Änderungsantrag wurde aber abgelehnt und stattdessen eine Diskussion über Schwerpunkte und Prioritäten der heutigen IPPNW und die Formulierung eines Leitbildes bis zur MV 2009 beschlossen.

Afghanistan-Krieg
Die deutsche IPPNW fordert den schrittweisen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Eine Resolution aus dem „Arbeitskreis Afghanistan“ wurde mit folgendem Wortlaut verabschiedet:
Die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) fordert von der Bundesregierung den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und hierzu die Erstellung eines Konzepts für den Ausstieg aus dem Krieg – sowie die Unterlassung jeglicher Ausweitung des militärischen Engagements in dem Land. Bezugspunkt dabei darf nicht nur die gegenwärtige US-gestützte Regierung Afghanistans sein, sondern die afghanische Zivilgesellschaft muss intensiv hierin einbezogen werden.

Abschiebung von Flüchtlingen und Alylbewerbern
Die IPPNW fordert die Ärtzekammer auf, „dafür Sorge zu tragen, dass die ärztlich-ethischen Belange und die Deklaration von Genf im Kontakt mit Flüchtlingen gewahrt werden“. Gemeint sind die Dienste von Ärzten bei Abschiebungen von traumatisierten Ayslbewerbern noch während einer notwendigen Therapie, verweigerte Behandlung von Flüchtlingen ohne Aufenthaltsgenehmigung und die entwürdigende Altersbestimmung von Jugendlichen zum Zweck der Abschiebung. Heilbare Krankheiten werden so chronifiziert, und eine Heilung oder Besserung als Voraussetzung einer späteren Selbständigkeit wird damit verhindert.

Internationalität
Die Mitgliederversammlung beschloss, die Mitglieder über internationale Aktivitäten regelmäßig zu unterrichten, für internationale Kongresse und Veranstaltungen zu werben und Mittel zur Verfügung zu stellen. Besonders die Kampagne ICAN wird aktiv unterstützt und die neue „Arbeitsgruppe ICAN“ gegründet.

Elektronische Gesundheitskarte (eGK)
Die Ablehnung der eGK durch den 110. Deutschen Ärztetag im Jahr 2007 wird von der IPPNW unterstützt. Haupteinwände waren die Datenspeicherung aller Patientendaten auf zentralen Servern, die riskante Datensicherheit, die Gefahr des kommerziellen Missbrauchs und die Vorbereitung einer „Managed Care“-Medizin sowie die Gefährdung des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Sinnvoll sind nur Informationssysteme, bei denen die Daten in der Verfügung der Versicherten bleiben.

Das Protokoll der Mitgliederversammlung kann in der Geschäftsstelle bestellt oder im internen Bereich der Homepage abgerufen werden (hier ; kurze Bilderfolge hier).

Projekt

Ein außergewöhnliches Projekt der Friedensarbeit wurde anschließend von seinem Leiter Dr. Klaus Melf vorgestellt, ehemals Medizinstudent in Erlangen. Er hat an der Universität Trondheim / Norwegen einen neuartigen Studiengang „Friedensmedizin“ mit Fernlehrgang und Diplom entwickelt, an dem auch Stephan Kolb, Leiter des CeKib am Klinikums Nürnberg, beteiligt ist. Violence Prevention and Peace Building ist das Ziel dieses einmaligen Vorhabens, ein Lehrbuch über Friedensmedizin ist in Vorbereitung. Der kostenlose, englichsprachige online Lehrgang steht allen im Gesundheitswesen offen, und Klaus Melf ist besonders an freiwilligen Teilnehmern interessiert, die zu Testzwecken einige Module durcharbeiten und ihm Rückmeldungen geben. Weitere Einzelheiten hier.

Öffentlichen Veranstaltungen

Unsere Tagung wurde von zwei öffentlichen Veranstaltungen zu den Themen Klimawandel und Niedrigstrahlung eingerahmt:

Auf einer Podiumsdiskussion zum Thema “Können Atomkraftwerke das Klima retten?“ machten die IPPNW-Vertreter noch einmal ihre Position deutlich:

  • Die gesamte Produktionskette vom Uranabbau über die Stromerzeugung bis zur Zwischenlagerung erzeugt mehr CO2 als alternative Energien.
  • Der CO2-Ausstoß würde durch die Senkung des Energieverbrauchs am nachhaltigsten gesenkt.
  • Atomkraftwerke (AKW) haben einen schlechten Wirkungsgrad und produzieren überwiegend ungenutzte Abwärme.
  • Mit einer Verbilligung des Stroms ist auch nach einer Laufzeitverlängerung nicht zu rechnen, da der Preis von der Strombörse bestimmt wird.
  • Eine Laufzeitverlängerung der AKWs würde die Entwicklung alternativer Energietechnik behindern.
  • Es gibt kein sicheres Endlager für hochradioaktiven Müll.
  • Deutschland ist immer noch Stromexporteur und braucht keine neuen AKWs.

Auf einem Symposion am Ende der Tagung stand das Thema „Niedrigstrahlung“ zur Debatte. Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake, Professorin für experimentelle Physik, Gesellschaft für Strahlenschutz in Bremen, interpretierte die Studie „Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken“ (KiKK Studie) des Deutschen Kinderkrebsregisters: Bei Kindern unter 5 Jahren treten Krebs und Leukämien umso häufiger auf, je näher sie an Atomkraftwerken wohnen. In einem Umkreis von 50 km erkranken 5 - 12 Kinder in Deutschland jährlich an Krebs. Da die gemessene Strahlenmenge äußerst gering ist, werden noch andere Faktoren als Radioaktivität diskutiert; oder es müssen die Langzeitwirkungen der Niedrigstrahlung neu bewertet werden. Dies unternahm Dr. Ian Fairlie, Consultant on Radiation in the Environment, aus London, indem er auf folgende Risiken und Probleme einging: die unsicheren Grenzwerte der Niedrigstrahlung, die fehlende Dosis-Wirkungs-Beziehung, die lange Latenzzeit bis zum nachweisbaren Eintritt einer Wirkung, die schwierige Messung und Einschätzung von Strahlendosen, die Auswirkungen in den verschiedenen Organen und im Erbgut und vor allem auf die Interpretationen der unterschiedlichen Interessensgruppen. Insgesamt werden die Langzeitfolgen niedriger Radioaktivität noch nicht genau verstanden, ihre Gefährlichkeit im niedrigen Dosisbereich aber offenbar unterschätzt. Es bahnt sich ein Paradigmenwechsel in der Bewertung der Niedrigstrahlung unter Wissenschaftlern an. Die Vortragsfolien sind unter dieser Adresse abrufbar.

Entspannung gab es schließlich in einer deftigen Nürnberger Bratwurstkneipe, die alle Klischees von Nürnberg erfüllte, hier aber musikalisch untermalt von unserem Mitglied Irene Ostertag mit ihrem Jazz-Trio. Damit endete das Jahrestreffen in der stimmungsvollen Atmosphäre der Nürnberger Altstadt.