Erster Kongress "Medizin und Gewissen"
Nürnberg, 25. - 27. Oktober 1996

50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess

Nürnberg ist die Stadt der Reichstage und der Reichsparteitage, die Stadt Albrecht Dürers, aber auch Julius Streichers, die Stadt in der die nationalsozialistischen Rassegesetzte proklamiert wurden, in der 1942 eine wissenschaftliche Konferenz stattfand, in der führende deutsche Mediziner widerspruchslos Ergebnisse von menschenverachtenden medizinischen Experimenten annahmen, die Stadt, in der im Anschluss an den 2. Weltkrieg die epochalen Nürnberger Prozesse stattfanden. In diese Stadt, in der sich die Widersprüchlichkeiten und Brüche deutscher Geschichte manifestieren, konnten die Nürnberger Regionalgruppe und die deutsche Sektion der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) e.V. deswegen einladen, weil das heutige Nürnberg sich glaubhaft darum bemüht, seine Geschichte anzunehmen und daraus Impulse zur Wahrung und Durchsetzung der universellen Menschenrechte zu entwickeln.

Als der Nestor der amerikanischen Medizinethik, Jay Katz, seine Einladung erhielt in diesem Nürnberg zu sprechen, wusste er sofort, dass er kommen musste. Aber dem aus Zwickau stammenden amerikanischen Medizinethiker war anfangs nicht klar, wie qualvoll es für ihn werden würde, wieder in die Geschichte „eingetaucht“ zu werden, die so unauflöslich mit seinem persönlichem und beruflichen Leben verbunden ist. Denn die Geschehnisse im Nazi-Deutschland haben Jay Katz als Menschen, als Arzt und als Lehrer geprägt. Als er sich entschlossen hatte, erstmals seit der Emigration 1938 wieder nach Deutschland zu kommen, wurde er von seinen Kindheitserinnerungen „überspült“. Wie er berichtete, begleiteten ihn seine Alpträume bis zu seinem wegweisenden Vortrag im Nürnberger Opernhaus.

Vom 25. Oktober 1946 bis zum 20. August 1947 hatten deutsche Ärzte wegen ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem amerikanischen Militärgericht gestanden. Die Richten begnügten sich 1947 nicht nur mit einer juristischen Beurteilung der medizinischen Verbrechen. Sie formulierten in ihrer Urteilsbegründung ethische Grundsätze für zulässige medizinische Versuche: den „Nürnberger Kodex“. In dem die Richter dem „inform consent“, der informierten und freiwilligen Zustimmung des Patienten nach bestmöglicher Aufklärung, bei der Durchführung von Humanexperimenten eine vorrangige Bedeutung beimaßen, ermahnten sie alle Forscher zu mehr Achtung und Verantwortung gegenüber dem unveräußerlichen Rechten und Interessen ihrer Versuchspersonen. Dieses Ziel, so hatte es Jay Katz grundlegend formuliert, bleibt ein bis heute uneingelöstes Vermächtnis der Nürnberger Richter. Auch wenn dieser Kodex nicht immer und überall in den vergangenen 50 Jahren befolgt wurde, so gingen seine Rechtsfiguren in wesentliche nachfolgende medizinethische Kodices ein. Somit leuchtet er immer noch wie ein Fixstern aus den dunklen Tagen zu uns herüber.

Als Bürger und Ärzte Nürnbergs konnte es uns nicht unberührt lassen, was vor 50 Jahren im Rahmen des Ärzteprozesses in unserer Stadt verhandelt worden war. So entstand bereits 1992 die Idee zu einem internationalen Kongress, der den Bogen spannen sollte vor einer kritischen Auseinandersetzung mit den Verstrickungen der deutschen Medizin in das nationalsozialistische Unrechtssystem bis hin zu den ethischen Herausforderungen der gegenwärtigen Medizin und Humanforschung. Ein solcher Kongress sollte dazu beitragen, dass Gedenken an die Schuld der deutschen Ärzteschaft produktiv und richtungsweisend in gegenwärtiges und zukünftiges Handeln zu transformieren.

Nach 4-jähriger Vorbereitungszeit veranstaltete die Nürnberger Regionalgruppe gemeinsam mit der Deutschen Sektion der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) e. V. mit Unterstützung der Stadt Nürnberg und des Klinikum Nürnberg vom 25. – 27. Oktober 1996 den internationalen Kongress „Medizin und Gewissen. 50 Jahre nach dem „Nürnberger Ärzteprozess“. Unter der Schirmherrschaft der Präsidentin des Deutschen Bundestages, Frau Prof. Dr. Rita Süßmuth, und der Tagungspräsidentin, Dr. med. Alice Ricciari von Platten, nahmen über 1.600 Besucher, 150 internationale und nationale Referenten und über 100 Medienvertreter teil. Die Authentizität des Ortes, die Vielfalt und Ernsthaftigkeit der Themen und die große Zahl der Teilnehmer unterschiedlicher Generationen und Professionen ließen eine ungewöhnlich dichte und informative Stimmung und Atmosphäre entstehen: eine Aufbruchstimmung gegen die restaurativen Tendenzen unserer heutigen Zeit.

In den zahlreichen Foren, Veranstaltungen und informellen Gesprächen wurde in einer ungewohnt vertrauten und konstruktiven Atmosphäre zugehört, diskutiert und gestritten. Das Informations- und Mitteilungsbedürfnis war spürbar groß. Gerade persönliche Schilderungen haben diesen Kongress bereichert. Zahlreiche Teilnehmer haben ihre Gefühle und Eindrücke, ihre Erfahrungen und Erinnerungen erstmals öffentlich artikulieren können oder fanden eine späte, wenn nicht zu späte Genugtuung für erfahrenes Leid. Nach dem beharrlichem Schweigen unserer Eltern- und Großelterngeneration über die nationalsozialistische Vergangenheit bewegte es viele Kongressteilnehmer, dass auf diesem Kongress Emigranten, Opfer und weitere Zeitzeugen gesprochen haben. Erwähnt seien stellvertretend Ernst Federn, Jay Katz, Erich Loewy, Erwin Chargaff, Zdzislav Jaroszewski und Alice Ricciari von Platten. Es war ein einigendes Band zu spüren zwischen dieser Eltern- und Großelterngeneration und den beiden Nachkriegsgenerationen, vereint auch in dem Appell von Jay Katz, die Leiden der Opfer der unmenschlichen nationalsozialistischen Medizin als deren unfreiwilliges Vermächtnis zu verstehen, auch in Zukunft für die Würde und die Freiheit des Menschen und des einzelnen Patienten im Sinne des Nürnberger Kodex zu kämpfen.

Horst Eberhard Richter, der dem Nürnberger Kongress sein Motto gab und die mehrjährige Vorbereitung immer wieder inspirierend begleitete, warf vorab die Frage auf, warum so viele an diesem Kongress teilnahmen da er doch keine medizinische Fachtagung, sondern eine Besinnung auf die hohe moralische Gefährdung des ärztlichen Berufstandes am Beispiel der von Ärzten geplanten, organisierten und durchgeführten Verbrechen unter Hitler war. Richter zufolge wollten die Kongressteilnehmer nicht nur die Missetaten ihrer Vorgänger besichtigen, sondern vor allem etwas über sich selbst erfahren und für sich selbst gewinnen: eine Hilfe für die eigene Widerstandskraft in ihrem Beruf, der scheinbar bereits a priori über die höchste moralische Integrität verfügt, in Wahrheit aber nur eine besonders hohe moralische Verantwortung trägt und jederzeit auch gefährdet ist, an dieser zu scheitern.

Stellvertretend für Axel Brandt, Alfred Estelmann, Petra Gassong, Karin und Bernd Höffken, Herbert Kappauf, Kerstin Langhans-Krasa, Stephan Kolb, Hanni und Helmut Sörgel von der Nürnberger Vorbereitungsgruppe

Horst Seithe