Im Gedenken an die Opfer der Medizin im Nationalsozialismus

Antrag von Herrn D. Scholze, Herrn Dr. Pickerodt, Frau Dr. Pfaffinger, Herrn Dr. Wambach, Herrn Dr. Montgomery, Herrn Dr. Kaplan, Frau Dr. Wenker, Frau Dr. Lux und Frau Dr. Kulikeauf auf dem 115. Deutschen Ärztetag

 

Nürnberg, im Mai 2012

 

Sehr geehrte Damen und Herren Delegierte,

 

der Deutsche Ärztetag tagt nach 33 Jahren wieder in Nürnberg am Ort des Ärzteprozesses 1946/1947. Dies ist eine gute und wichtige Gelegenheit für die deutsche Ärzteschaft, zu ihrer historischen Verantwortung und der schuldhaften Verstrickung ihrer Vorgängerorganisation in das nationalsozialistische Unrechtssystem offiziell Stellung zu nehmen. Den wenigen noch lebenden und den vielen längst verstorbenen Opfern der Medizin im Nationalsozialismus gebührt eine umfassende Erklärung der Deutschen Ärzteschaft mit einer offiziellen und ausdrücklichen Bitte um Verzeihung. Diese steht bis heute noch aus.

Vor dem Hintergrund der Ausführungen des Medizinhistorikers Prof. Dr. Richard Toellner zur Medizin im Nationalsozialismus und der „Last der Lehre“ auf dem 92. Deutschen Ärztetag 1989 in Berlin sowie der Entschließung des 99. Deutschen Ärztetages 1996 in Köln zum „Wertebild der Ärzteschaft 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess“ möchten wir Sie ermutigen, hier in Nürnberg, wo die medizinischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit öffentlich verhandelt wurden, den 115. Deutschen Ärztetag dafür zu nutzen, auch öffentlich und offiziell Stellung zu beziehen.

Die Menschenrechtsverletzungen in der Medizin zur Zeit des Nationalsozialismus werfen auch für die heutige Medizin vielfältige Fragen auf. Sie betreffen das Selbstverständnis der Ärzteschaft sowie mögliche Implikationen für professionelles Handeln und die Medizinethik.

Im Gegensatz zu noch immer weit verbreiteten Annahmen ging die Initiative gerade für die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen nicht von politischen Instanzen, sondern von den Ärzten selbst aus:

  • Die Zwangssterilisation von über 360.000 als „erbkrank“ klassifizierten Menschen,
  • Die Tötung von weit über 200.000 psychisch kranken und behinderten Menschen
  • Die erzwungene, in zahlreichen Fällen tödliche medizinische Forschung an vielen tausend Versuchspersonen.

Ebenso zu nennen sind die Entlassung und Vertreibung „jüdischer“ und „politisch unzuverlässiger“ Ärztinnen und Ärzte und die Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in medizinischen Institutionen bis hin zu Universitätskliniken und konfessionellen Krankenhäusern.

Die Verbrechen der NS-Medizin waren nicht Taten einzelner isolierter und fanatisierter Ärzte, sondern sie geschahen unter wesentlicher Mitbeteiligung führender Repräsentanten der verfassten Ärzteschaft und medizinischer Fachgesellschaften, und ebenso unter maßgeblicher Beteiligung von hervorragenden Vertretern der universitären Medizin und renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen.

Viele der beteiligten Ärzte waren auch in der Nachkriegsmedizin in hervorgehobenen Positionen tätig. Ebenso wurden stigmatisierende und entwertende Begriffe und Handlungs-weisen gegenüber kranken und behinderten Menschen in erheblichem Umfang auch nach 1945 weiter angewendet. Eine systematische Reflexion auf die Voraussetzungen für solche Denk- und Handlungsweisen fand über Jahrzehnte nicht statt. Die Dokumentation zum Nürnberger Ärzteprozess wie auch der Nürnberger Kodex 1947 gerieten in Vergessenheit. Die Thematisierung der Medizin im Nationalsozialismus wurde in den Nachkriegsjahrzehnten vielmehr alsbedrohlich für die Reputation des Ärztestandes gesehen.

Eine Auseinandersetzung der verfassten deutschen Ärzteschaft mit dieser historischen Realität ist erst seit den 1980er Jahren langsam in Gang gekommen. Forschungen werden seither auch von der Bundesärztekammer und den Landesärztekammern in gewissem Umfang gefördert. Gleichwohl wurden Appelle an die verfasste Ärzteschaft zur finanziellen Unterstützung zentraler historischer Forschungs- und Publikationsprojekte noch in den 1990er Jahren abgelehnt. Die Beispiele für Verdrängung und Beschönigung der NS-Vergangenheit von Ärztefunktionären reichen bis in die Gegenwart.

 

Der 115. Deutsche Ärztetag in Nürnberg ist eine historische Gelegenheit

Der 92. Ärztetag 1989 in Berlin und der 99. Ärztetag 1996 in Köln haben der Medizin im Nationalsozialismus und ihrer Opfer ausdrücklich gedacht. Aus diesem Gedenken heraus kann und muss die für die noch lebenden Opfer so wichtige Bitte um Verzeihung erwachsen. Eine solche offizielle Erklärung von Seiten des 115. Deutschen Ärztetages in Nürnberg und die damit verbundene Selbstverpflichtung zur umfassenden Unterstützung weiterer historischer Forschung sind unerlässlich gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen.

Wir appellieren daher an Sie, die historische Gelegenheit des 115. Deutschen Ärztetages in Nürnberg als seine Delegierte und als Verantwortliche der Bundesärztekammer für eine

Nürnberger Erklärung des Deutschen Ärztetages 2012

zu nutzen, und haben uns erlaubt, einen Vorschlag einer solchen Erklärung zu formulieren.

Nürnberg ist und bleibt mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Medizin im Nationalsozialismus verbunden. Die Stadt Nürnberg stellt sich dieser Geschichte seit vielen Jahren in bemerkenswerter Weise und erhält dafür international große Anerkennung.

 

Mit freundlichen Grüßen als Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner

Prof. Dr. Gerhard Baader, Berlin – Prof. Dr. Johanna Bleeker, Berlin – Dr. Karl Jürgen Bodenschatz, Nürnberg – Sir Iain Chalmers, Oxford – Prof. Dr. Wulf Dietrich, München – Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg – PD Dr. Fritz Dross, Fürth – Dr. Hansjörg Ebell, München – Prof. Dr. Wolfgang Eckardt, Heidelberg – Prof. Dr. Frank Erbguth, Nürnberg – Dr. Ursula Ferdinand, Münster – Prof. Dr. Andreas Frewer, Erlangen – Prof. Dr. Helfried Gröbe, Nürnberg – PD. Dr. Bernd Höffken, Nürnberg – Dr. Ellis Huber, Berlin – PD Dr. Gerrit Hohendorf, München – PD Dr. Michael Knipper, Gießen – Stephan Kolb, Eckental – Prof. Dr. Hans-Peter Kröner, Münster – Prof. Dr. Johannes Kruse, Gießen – Prof. Dr. Karl-Heinz Leven, Erlangen – Prof. Dr. Georg Marckmann, München – Dr. Nadine Metzger, Erlangen – Dr. Dr. Günter Niklewski, Nürnberg – Dr. Philipp Osten, Heidelberg – Prof. Dr. Walter Pontzen, Nürnberg – Prof. Dr. Jens Reich, Berlin – Dr. Helmut Rießbeck, Schwabach – Prof. Dr. Volker Roelcke, Gießen – Dr. Maike Rotzoll, Heidelberg – Prof. Dr. Jan Holger Schiffmann, Nürnberg – Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, Hamburg – Prof. Dr. Dr. Heinz Schott, Bonn – Dr. Horst Seithe, Nürnberg – Dr. Helmut Sörgel, Nürnberg – Prof. Dr. Wolfgang Söllner, Nürnberg – Prof. Dr. Hannes Wandt, Nürnberg – Prof. Dr. Paul Weindling, Oxford – Prof. Dr. Jörg Wiesse, Nürnberg – Dr. Elisabeth Wentzlaff, Nürnberg – Dr. Holger Wentzlaff, Nürnberg – Prof. Dr. Dr. Renate Wittern-Sterzel, Erlangen